Besuch bei Hamburgs letztem Zigarrenmacher

Als Kind liebte ich den bitter-süßen Duft von Papis Zigarren. Auf Studienreise und Partys habe ich dann auch mal gerne eine gepafft.  – Hmh, das hört sich nun so an, als wenn ich ständig vor mir her qualme… Nein, wirklich nicht! Denn insgesamt sollten es gerade einmal drei Zigarren gewesen sein, an denen ich genuckelt habe. Doch selbst das scheint mir noch zu hoch gegriffen. Bei den meisten durfte ich nur kurz dran ziehen, wenn die in der Gruppe wie ein Joint rumgereicht wurden. Aber, Frauen und Zigarren? Warum denn nicht? Da befinde ich mich doch in bester Gesellschaft von unter anderem der Schriftstellerin George Sand, die als eine der wenigen Frauen ihres Jahrhunderts in aller Öffentlichkeit Zigarren rauchte und dieses als einen Akt der Emanzipation empfand. Greta Garbo, Julie Andrews, Bette Midler, Demi Moore, Sharon Stone und Madonna sind als weitere Beispiele zu nennen.
Im Grunde genommen, bin ich eigentlich bekennende Nichtraucherin. Trotzdem üben Zigarren auf mich eine gewisse Faszination aus. Umso neugieriger wurde ich, als ich auf ein Minikärtchen des Traditionsgeschäfts Otto Hatje in Altona stieß, welches auf die dort gebotene Schauproduktion aufmerksam machte. Ein Blick auf die Homepage sagte mir: „Da muss ich hin!“

Otto Hatje gibt es bereits seit 1922 und ist bis heute in denselben Räumlichkeiten geblieben, die am Rande der ehemaligen „Mottenburg“, dem heutigen Ottensen, liegen. Der Name „Mottenburg“ reicht in die Zeit zurück, als Zigarrenmacher wie Otto Hatje das Bild des Stadtteils prägten. Nun gibt es nur noch ihn, den letzten Zigarrenmacher Hamburgs. Hier kann der Zigarrenliebhaber kaufen, was sein Herz begehrt. Mit 70% Luftfeuchtigkeit und ca. 20° C Raumtemperatur ist das ganze Geschäft ein einziger Humidor. Die Auswahl ist enorm und für jeden Geschmack ist etwas dabei. Edle kubanische und brasilianische Zigarren gibt es hier genauso wie die unter anderem im Laden handgefertigten Eigenmarken, die man unbedingt probieren sollte.

   

Bis zu den 50er Jahren gab es in Deutschland den Ausbildungsberuf des Zigarrenmachers. Danach war aber leider Schluss. Schön, dass noch ein paar wenige Betriebe existieren, die diesem Job am Leben halten.
Den Gründer Otto Hatje gibt es leider nicht mehr. Dafür hat sich aber ein würdiger Nachfolger gefunden, der das Traditionsgeschäft weiterführt. Denn Kinder, die in die Fußstapfen ihres Vaters hätten steigen können, hatte Otto nicht. Wie schön, dass unser Gastgeber Stefan vor gut 20 Jahren sein Herz an dem kleinen Laden verloren hatte, den er als Quereinsteiger übernahm. Schnell lernte er das Zigarrenmachen und verkauft seine Stücke unter der Eigenmarke „Otto Hatje“. Aufgrund der hohen Nachfrage wird er von zwei kleinen süddeutschen Familienunternehmen unterstützt, die ebenfalls noch das Handwerk des Zigarrenmachens beherrschen.

Durch einen von karibischen Spirituosen gesäumten Gang geht es in die Smokers Lounge, die Platz für 6 Personen in gemütlichen Ledersesseln bietet. So manches Mal wünscht sich Stefan mehr Ladenfläche, wie er beim Besuch des kleinen Geschäfts erwähnte. Denn gerade um die Mittagszeit ist der Raum extrem gut besucht und die Sitzplätze reichen bei weitem nicht aus. Ja, und so kamen auch an diesem Abend ein, zwei Leute vorbei, die sich dort bei einer netten Zigarre entspannt zurück lehnten. Auch wir hatten unseren Besuch in diesem kleinen gemütlichen Raum ausklingen lassen, nachdem wir von Stefan in die Kunst des Zigarrenmachens eingeführt wurden. Was bei Stefan auf den ersten Blick so einfach und schnell erscheint, war für den Einzelnen unter uns keine leichte Übung. Kein Wunder, es ist schließlich noch nie ein Meister vom Himmel gefallen…
Zum Zigarren rollen werden schöne reißfeste Java-Tabakblätter verwendet, die als erstes mit einem geschliffenen Stahlmesser von der Mittelrippe befreit und anschließend mit etwas Wasser befeuchtet werden. Danach werden die Umblätter mit einer Tabak-Mischung aus Mexiko, Brasilien, Sumatra und Java gefüllt. Allerdings erweist es sich ein wenig kniffelig die richtige Menge zu bestimmen. Dann gilt es mit dem Pedal leicht Schwung zu holen und so den Tabak zu einer Rolle zu pressen, die vom untergelegten Umblatt eingewickelt wird. Ist das erledigt, muss man die „Puppen“ am Ende unter der Walze herausziehen, bevor diese rausfliegen und an Spannung verlieren.

  

Als nächstes werden sie in einen Holzblock mit 30 Rillen eingearbeitet, in Form gepresst und von den überstehenden Tabakresten befreit. Danach werden aus weiteren Tabakblättern circa 3 Zentimeter breite Streifen zugeschnitten, die als Geschmack gebende Deckblätter die Puppen umrollen und mit Hilfe des natürlichen Klebstoffs Tragant umschlossen werden.

  

Das fertige Stück sollte noch eine gute Woche bis 10 Tage ruhen. Denn das Aroma sollte sich erst einmal richtig entfalten. Kein Problem, denn wir verkosteten bereits eine von uns selbst gewählte Zigarre, die wunderbar vom passenden Rum begleitet wurde. Das war schon ein leckeres Tröpfchen! Danke Stefan für die gute Beratung! Klar, habe ich dann eine schöne Flasche mit nach Hause genommen, die ich bei Gelegenheit einem lieben befreundeten Pärchen schenken werde. Schließlich musste ich beim Anblick der tollen Auswahl sofort an diese Rum-Liebhaber denken! Ich bin gespannt, wie der denen munden wird. Wenn nicht, dann… Na ja, soll man nicht stets schenken, was man selbst am liebsten hätte?
Für mich ist Otto Hatje ein kleines Geschenke-Paradies für den Genießer. So werde ich künftig auf jeden Fall vorbei schauen, wenn ich schöne handgefertigte Zigarren, einen leckeren Rum oder einen Gutschein zum Whisky-Tasting verschenken möchte. Ja, Whisky-Tastings in kleiner gemütlicher Runde gibt es hier auch, zu denen regelmäßige Termine angeboten werden. Reinschauen lohnt sich also allemal und besonders an jedem ersten Samstag im Monat, wenn Stefan in der Zeit von 10:00 bis 14:00 Uhr wieder seine Zigarren rollt. Wer will, kann sich dann auch daran versuchen und sein eigenes Stück anfertigen.

Das Traditionsgeschäft Otto Hatje ist selbst dem interessierten Nichtraucher zu empfehlen und der leidenschaftliche Raucher sollte auf jeden Fall mal auf eine Zigarre vorbei schauen!

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